Phra Lahminh

Wieder eine Auszeit – der Grund dafür ist offensichtlich eine kleine Portion Eis, die ich mit Teno in Chiang Rai gegessen habe. Ihm machen so ein paar Salmonellen im Eis nichts aus, aber bei mir haben sie durchschlagenden Erfolg…

„Ich wusste dass du kommen wirst – ich habe auf dich gewartet.“ Schön, denke ich, dass auch mal jemand auf mich wartet, und dazu noch jemand, den ich noch gar nicht kenne. „In der letzten Nacht bist du mir begegnet, da wusste ich, dass du heute kommen wirst“. Ich schaue einem fremden Menschen ins Gesicht, einem Mönchen mit einer Wollmütze, der fast ein bisschen lustig anzuschauen ist und der mir eigentlich noch nie begegnet, der mir aber auf seltsame Weise vertraut ist.

Ich bin mit Teno ungefähr 25 Kilometer nördlich von Chiang Rai gefahren. In einem abgelegenen Waldkloster treffen wir dort auf diesen Mönchen, der hier mit zwei Novizen in arger Abgeschiedenheit und unter einfachsten Bedingungen lebt. Doch bevor er weiter spricht möchte er uns erst den Tempel bzw. die Umgebung zeigen. Ein richtiges Tempelgebäude gibt es gar nicht – alles spielt sich in der Natur und an bzw. auf einem hohen Felsen ab. Und auf diesen Felsen klettern wir jetzt hinauf. Mit seinen 53 Jahren erklimmt Mönch Phra Lahminh mit beeindruckender Leichtfüßigkeit, das Gestein, während mir die Prozedur sichtlich schwer fällt. Der Grund dafür ist, dass ich gestern eben den ganzen Tag im Bett lag und mein Innenleben im 30-Minuten-Takt in alle Richtungen nach außen gekehrt habe. Da mein Magen bis in die Abendstunden hinein, selbst Wasser nicht aufgenommen hat und sich im Gegenteil sogar von dem letzten Rest Flüssigkeit in mir mit aller Gewalt verabschieden wollte, war ich gegen Abend dann nicht mehr in der Lage aufzustehen. Darüber bin ich irgendwann spät in der Nacht trotz extremer Übelkeit vor Erschöpfung eingeschlafen. Ich fühlte mich wie kurz vorm Austrocknen als ich im Morgengrauen aufwachte und trank eine halbe Flasche Wasser in einem Zug auch auf die Gefahr hin, dass dieses Wasser in wenigen Minuten den gleichen Weg zurück (nur nicht in die Flasche) nimmt. Es kam nicht zurück und von da an ging es mir ein klein wenig besser.

Normalerweise wären jetzt mehrere Tage Auskurieren angesagt, nicht aber, wenn dafür keine Zeit bleibt. Das Ticket für die Fahrt nach Bangkok ist gebucht. Heute Abend fährt der Bus die ganze Nacht durch und kommt in der Frühe an. Und bevor ich Chiang Rai verlasse möchte Teno unbedingt, dass ich diesen Mönchen hier noch kennen lerne. Er tut alles um mich dazu zu bewegen mit ihm an diesen Ort zu fahren. Da ich diese Hartnäckigkeit normalerweise nicht von ihm kenne stimme ich zu, obwohl mir körperlich ganz und gar nicht danach ist. Und jetzt klettere ich sogar über mehrere Felsen in schwindelerregende Höhe und stehe vor dem Eingang einer Höhle. Die Aussicht von hier oben ist fantastisch; meine Kamera liegt im Rucksack unten auf einem Stuhl. Jetzt atme ich erst einmal tief durch. Eine angenehm frische Luft in der der Geruch von Wald und Natur liegt. Fast könnte man meinen, hier oben sei man den irdischen Dingen ein wenig entrückt. „Möchtet ihr in die Höhle?“ fragt der Mönch. – Nein, dass möchte ich jetzt ganz sicher nicht, zumal der Höhleneingang beängstigend eng aussieht. Im Inneren soll zwar mehr Platz herrschen, aber ich bin eh schon am Ende meiner Kräfte – jetzt auch noch in eine Höhle zu klettern, schaffe ich ganz sicher nicht mehr. Ich lasse ihm durch Teno übersetzen, dass es mir nicht besonders gut geht und dass ich gestern den ganzen Tag im Bett verbringen musste.

„Ich weiß“, nickt er. „Du wirst immer krank wenn du nach Thailand kommst. Das hat etwas mit deinem früheren Leben zu tun.“ Ich schaue ihn verdutzt an: Es stimmt: Ich kann mich bei meinen vielen Reisen kaum daran erinnern, dass ich nicht mindestens einmal pro Trip unter Durchfall oder Erbrechen – meist sogar unter beidem gelitten hätte. Zweimal musste ich sogar schon ein Krankenhaus während des Aufenthaltes in Thailand aufsuchen. Aber woher weiß er das? Ich schaue Teno an. Sein Blick gibt mir keine Auskunft und bevor ich weiter fragen kann, beginnt der Mönch mit dem Abstieg, dem wir schweigend folgen. Dieser Mensch ist ein einziges Rätsel – trotzdem fühle ich mich wohl in seiner Nähe; fühle mich wie magisch angezogen von ihm.

Unten angekommen reicht er mir Wasser in einer verschlossenen Flasche, dass ich dankbar annehme. Hoffentlich tut dies auch mein Magen. Zum Frühstück gab es ein paar Früchte, über die er (mein Magen) sich nur bedingt freute. Er hat sie zwar nicht gleich wieder zurückgeschickt, aber ich hatte das Gefühl dass er sie trotzdem nur widerwillig akzeptierte.

Die ganze Zeit schaut der Mönch mich an und ich glaube zu spüren, dass er bis in dem letzten Winkel meiner Seele liest. Ich bekomme dennoch nicht das Bedürfnis irgendetwas vor ihm verstecken zu müssen. In seinen Augen steckt so viel Sanftmut und Gelassenheit. Auch seine Stimme hat etwas angenehm Beruhigendes. Als er weiter spricht sehe ich aber auch eine tiefe Traurigkeit in seinem Gesicht, die mich sehr berührt.

„Du kommst immer wieder zurück nach Thailand, das ist deine Bestimmung. Du hast einmal in einem früheren Leben hier gelebt, aber du hast schreckliche Dinge getan und ich bin Schuld daran, denn ich habe es dir befohlen und du musstest mir gehorchen.“ Für mehr als einen Moment stockt mir der Atem. Gedanken schießen wie Blitze durch meinen Kopf und versuchen das Gehörte zu verarbeiten. Ich glaube als Buddhist an die Wiedergeburt und auch an frühere und spätere Leben, an diesen ständigen Kreislauf irdischen Daseins. Aber ich bin auch kritisch, wenn Menschen versuchen Dinge zu interpretieren, die nicht auf nachweisbaren Grundlagen aufgebaut sind. Dieser Mensch, der so gelassen in der typischen Sitzposition eines Mönchs jetzt auf der Erde mir gegenüber sitzt ist kein Spinner – das spüre ich. Aber wie kann das sein? Was redet er? Und woher will er das alles wissen?

„Durch das Gift, das du hergestellt hast, sind einmal sehr viele Menschen gestorben“, fährt er fort. „Ich habe dich gezwungen es zu tun, das tut mir sehr leid und dafür entschuldige ich mich bei dir. Ich hoffe du kannst diese Entschuldigung annehmen.“ Er reicht mir seine Hände und in dem Moment wo ich sie erfasse laufen Tränen über mein Gesicht – ich weiß nicht warum und ich kann auch nichts dagegen tun. Er nickt mit dem Kopf und sagt nur: „Ja du bist es  und du musstest kommen und ich hoffe du kannst mir verzeihen“.  Während wir unsere Hände halten passieren Dinge in mir, die ich nicht erklären oder deuten kann aber es ist eine Art Austausch der Seelen der zwischen uns stattfindet. Dieser  beantwortet mir zwar keine Fragen aber ich suche auch nicht weiter ständig nach Antworten und mein innerer Widerstand, der nur zu gerne Dinge anzweifelt verschwindet.

„Du wirst wieder zurückkommen weil du immer wieder zurückkommen musst und du wirst auch wieder krank werden, wenn du hier bist“, nimmt er das Gespräch erneut auf. „Aber du kannst dein Leiden lindern in dem du anderen Menschen hilfst. Das ist dein Auftrag. Du hilfst Menschen und das hilft dir. Du hast irgendwann Medikamente zu Kindern gebracht.“ Diese Feststellung war eine halbe Frage und ich bestätige, dass ich vor einem Jahr Medikamente von Thailand nach Myanmar geschmuggelt habe, um diese dort an Kinder in einem Tempel zu verteilen, die unter einem ansteckendem Hautpilz litten. „Das ist es, was du tun musst“ nickt er bestätigend. „Das ist deine Aufgabe. Wann immer du anderen Menschen hilfst, hilfst du dir selber aber du musst es von Herzen tun ansonsten bleibt es wirkungslos.“ In seiner Stimme liegt so viel Gewissheit, soviel Unwiderlegbarkeit – ich finde keinen Grund an seinen Worten zu zweifeln.

Schon nach der ersten Reise nach Thailand war ich in einem magischen Bann, der mich nach nur drei Wochen zurück in das Land geholt hat. Immer wieder erlebe ich sogenannte Déjà-vus – glaube Dinge wiederzuerkennen, die mir aber wissentlich nie begegnet sind. Eigentlich unbekannte Rituale und Traditionen sind mir zum Teil auf beängstigende Weise vertraut und ich weiß nicht warum. Immer wieder suche ich den Weg in Tempel, fühle auch eine tiefe Verbundenheit zur buddhistischen Lehre. Ich könnte noch viele Beispiele hier aufführen. Ist das jetzt die Erklärung für etwas, was ich selber nie richtig erklären konnte?

Wir sind seit  Stunden bei Phra Lahminh in seinem Waldtempel. Irgendwann steht er auf und lässt uns alleine. Teno ist erstaunlich gelassen und ruhig und ohne die Frage auszusprechen antwortet er: „Nein, ich habe es ihm nicht erzählt –  er ist ein sehr weiser Mann und er lebt seit vielen Jahren hier in der Natur.“

Nach einiger Zeit kommt Phra Lahminh  zurück und meint es sei an der Zeit zusammen zu essen. Wir folgen ihm zu einer Art Unterstand unter einem Felsvorsprung, der gegen Regen und Wind und herabfallende Steine durch Planen und ein Wellblechdach geschützt ist. Dort nehmen wir alle auf der Erde Platz und essen mit den beiden Novizen zusammen Gemüse und Reis.

Mehr als fünf Stunden später beschließen wir zurück zu fahren; in nur einer Stunde startet bereits mein Bus. „Ich bin froh, dass du hier warst“, sagt Phra Lahminh zum Abschied und reicht mir zwei kleine Orangen, die er zuvor mit einem Gebet segnet.  „Ich auch“, antworte ich ihm „und ich möchte auf jeden Fall hierher zurück kommen. Ich hoffe du vergisst mich nicht“. Phra Lahminh lächelt: „Ich kann dich gar nicht vergessen“.

Phra Lahminh

Phra Lahminh

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6 Antworten zu “Phra Lahminh”

  1. zzipp sagt:

    Dein Artikel erzeugt bei mir eine Gänsehaut… ich bin gespannt was du noch alles erzählen wirst, wenn du wieder kommst. Ich freu mich sehr
    drauf!

    Grüße
    Dennis

  2. tarcino sagt:

    Hi Dennis,
    ich habe fast die ganze Nacht, während der anschließenden Busfahrt, darüber nachgedacht, ob ich dieses unglaubliche Erlebnis hier im Blog veröffentliche, ob ich es überhaupt jemandem erzählen sollte, oder wie ich mit dem Gehörten umzugehen habe, bzw. was es für mich bedeutet. Ich bin in dieser Nacht zu keinem Ergebnis gekommen. Erst nach ein paar Stunden Schlaf in einem vernünftigen Bett, war mir nach dem Aufwachen klar: Es gibt keinen Grund das Erlebte zu verschweigen.

    Ich erwarte jetzt von niemandem, dass er eine Einstufung von “echt” über “glaubwürdig” bis “völlig frei erfunden” vornimmt. Das Ganze in Kurzform aufzuschreiben (Kurzform, da es in einem Zeitraum von über fünf Stunden noch viel mehr zu berichten gäbe, ich aber hier den Rahmen nicht sprengen möchte) war aber auch für mich eine gute Gelegenheit, die Geschehnisse weiter zu verarbeiten. Richtig verstanden habe ich das Alles selber noch nicht und ich glaube auch nicht, dass ich dazu in naher oder ferner Zukunft tatsächlich in der Lage bin.

    Schöne Grüße
    ~~~steff~~~

  3. margrit.biester sagt:

    Hallo Stefan,
    da hast Du ja ein unglaubliches Glück das Dir dieses Erlebnis über den Weg gelaufen ist. Nur sehr, sehr wenige Menschen erfahren etwas über eine vorherige Inkarnation und können so vielleicht einzelne Knoten in der Seele lösen. Es ist sehr beneidenswert und ich bin gespannt auf ein Gespräch mit Dir.

    Bis bald und einen guten Flug, zurück nach Deutschland, Deinem zu Hause in dieser Inkarnation

    Margrit

  4. margrit.biester sagt:

    Mir fällt noch etwas zu Dennis “Gänsehaut” ein.
    Unsere Seele weiß alles, wirklich alles. Sie erinnert sich immer wieder. Daher z.B. Deine Tränen beim Händedruck.
    Nur wir, oder sollte ich vielleicht besser sagen, unser EGO, stellt sich immer wieder dazwischen.
    Wie würde wohl das menschliche Dasein stattfinden wenn die Seele uns im Bewußtsein erinnern lassen würde?. Könnten wir uns dann weiter entwickeln? Auf jedenfall ist es spannend und läßt die Hoffnung zu, das alle Menschen die “heute” schreckliches tun in einer nächsten Inkarnation bessere Menschen werden.

    Ein wirklicher schöner Gedanke. Es hat, glaube ich, auch einen Sinn, das mir Deine Geschichte über den Weg läuft und eben allen Anderen, wie Dennis, auch. Es gibt keine Zufälle.

    Lieben Gruß

    Margrit

  5. Hallo Steff,
    es ist wirklich beeindruckend, was du in Thailand erlebst und es macht Spaß darüber zu lesen… Ganz besonders bei diesem Ereignis ist es spannend und faszinierend!
    Liebe Grüße,
    Lisa

  6. Johanna sagt:

    Hallo Steff,

    Nicht nur das diese Reise wieder ein Traum war,kam Dein Erlebnis hinzu.
    Ich bin seit Tagen damit beschäftigt um Dir etwas hierzu zu schreiben.
    Beim Lesen wurde mir heiß und kalt und ein seltsames Gefühl kam in mir hoch,es ist schwierig zu beschreiben.
    Aber ich sehe darin auch sehr viel Wahrheit und wenn Sie Dir so begegnet ist,solltest Du auch deinem Herzen folgen.
    Ich persönlich, würde auch jetzt von Neugier getrieben und es würde mich wahrscheinlich immer wieder an diesen Ort ziehen, an dem ich mich seltsam ruhig und geborgen fühlte. Ich würde auch mehr über mich wissen wollen.
    Aber auch weiß ich nicht, ob gerade dieses Sinn ergäbe oder sinnvoll wäre. Nicht jeder hat im Leben solche Momente (Glück). Ich wünsche Dir in jedem fall, noch vieler solcher Momente und ich galube man sollte darüber glücklich sein.

    >>Es soll keinen Tag geben, an dem Du nicht weißt, was du tun sollst.
    Es soll keinen Tag geben, an dem du vorgibst, etwas zu sein, was du nicht bist.
    Es soll keinen Tag geben, an dem du dich vor dem fürchtest, was du zu tun hast, und vor deinen Träumen, denen du folgen must.
    Es soll keinen Tag, an dem du nicht in dich gehst und auch schmerzende Stellen aufspürst.
    Es soll keinen Tag geben, an dem du denkst, du könntest für andere nichts tun.
    Es soll keinen Tag geben, an dem du über andere urteilst, ohne zu versuchen, sie zu verstehen. Vielleicht ist ein anderer Mensch über andere Dinge glücklicher als du selbst.
    Es soll keinen Tag geben, an dem du nicht dankbar bist, das du lebst.<<

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